Über FARo

Das Projekt „Fußnoten angewandter Romanistik” ist in seiner ersten Phase im Frühjahr 2009 online an den Start gegangen. Das Wortspiel mit dem Leuchtturm ist auf dem Hintergrund der Exzellenzschnauberei in der deutschen Universitätslandschaft entstanden, soll aber in eine andere Richtung weisen.
Im Internet finden sich wenige gute deutschsprachige Seiten, die sich frei zugänglich und in außerakademischer Weise mit Themen der Romania auseinandersetzen. Romanistisch besetzte Domains sind vornehmlich universitär orientierte Kontakt-, Arbeits- und Repräsentationsportale, die durchaus ihre Existenzberechtigung haben, vordergründig aber von der Wissenschaft für die Wissenschaft gemacht sind. Wenn man sich den Diskurs in der Wissenschaft zu Berechtigung und Aufgaben der Romanistik ansieht, dann fällt auf, dass Kulturvermittlung, interkulturelle Kommunikation und Lehrerausbildung sehr häufig genannt werden. Kritisch betont wird jedoch, dass die Früchte des Faches breiter zugänglich gemacht und verbreitet werden müssen. Kann dies die Wissenschaft leisten?
Warum dann Fußnoten?
Fußnoten zur angewandten Romanistik ist natürlich nicht ganz ohne Ironie entstanden. Aber im Laufe der Zeit hat sich doch ein gewisses ernstes Anliegen durchgesetzt. Im Fußnoten-Sektor sind wir die ersten, die sich einer Metaebene des Schreibens und Denkens zugewandt haben: Weder soll Wissenschaft im guten oder schlechten Sinne produziert werden, noch Kultur- oder Fachjournalismus, der sich am Mainstream messen und eine breite Masse homogener Leser erreichen muß. Fußnoten angewandter Romanistik sind wir deshalb, weil wir in erster Linie die angewandte Romanistik untertiteln. Angewandte Romanistik findet überall dort statt, wo mit Themen und Kontexten der Romania gearbeitet wird: Im Journalismus und im Verlagswesen, in der Medien- und Gesellschaftskritik von Organisationen, in der Kulturvermittlung und Übersetzung. Allerdings soll nicht nur auf die angewandte Romanistik Bezug genommen, sondern auch die Primärquellenbewertung und die Themensetzung mitbestimmt werden.
Ein Beispiel angewandter Romanistik
Ein Beispiel aus der spanischen Literatur: Nachdem Literaturpapst Reich-Ranicki das Buch Corazón tan blanco (Mein Herz so weiß) von Javier Marías in seiner berühmten Fernsehsendung über alle Maßen gelobt und zum „Lesen!” anempfohlen hatte, begann der Run auf den Roman, ein Bestseller war geboren und sogar einige Verlage aus den Printmedien wie SZ oder Der Spiegel reproduzierten Werke des Schriftstellers in ihren späteren Sondereditionen. Wer sich von nun der spanische Literatur über die nicht immer schlechte Kanonisierung der deutschsprachigen Kritikervorauswahl näherte, stieß mit Javier Marías auf deren Repräsentanten Nummer eins. Worin aber bestand hier die Begegnung mit der spanischen Literatur? Eine wohlbekannte Definition über Literatur besagt, dass Literatur das ist, was von einer Sprach- und Kulturgemeinschaft als solche angesehen wird. In Spanien werden auch die Werke Marías’ als Literatur anerkannt. Zu Recht. Aber als Repräsentant der spanischen Literatur ist er mehr als ungeeignet. Er wird in Spanien nicht oder kaum gelesen, nicht zuletzt, weil er als akademisch und verschroben gilt. Seine literarische Karriere hat er deshalb weitestgehend außerhalb Spaniens gemacht. Literatur, welche die Gesellschaft, aus der diese hervorgeht, nicht beschäftigt, sollte nicht als deren oberster Repräsentant verkulturisiert werden. Denn so bestimmen wir, was Spanien literarisch ausmacht. Ein anmaßendes Unterfangen. Aber wissen die Spanier unbedingt besser, wer oder was sie repräsentieren sollte? Die Frage zielt weit. Die Kritik, die hier formuliert werden könnte, würde den Kulturbetrieb auch als Wahrnehmungsgestalter hinterfragen und nicht nur als Bereitsteller schöner Künste. Hier gilt es nachzuhaken!